JOACHIM LAMBRECHT

Das Immaterielle als das Innere der Form

Für den Bildhauer ist die Form ein energetisches Ereignis im Raum.

„Nach einer traditionellen Töpferlehre, die ich Ende der Siebzigerjahre mit viel Begeisterung absolviert hatte, folgte eine fast gänzliche Abkehr von der Keramik. Ich studierte an der Kunstakademie Stuttgart Bildhauerei und freie Kunst und vergaß meine Liebe zum Ton fast völlig. Nach einer Phase intensiven Naturstudiums und figürlicher Plastik folgte schrittweise Abstraktion und schließlich die Hinwendung zur konkreten Kunst, Konzeptkunst und Rauminstallation in unterschiedlichen Materialien wie Stahl, Gips, Wachs usw. Auf diesem Gebiet bin ich heute als freischaffender Künstler tätig.

In meinen freien Arbeiten tauchte jedoch das Prinzip „Gefäß“ in verschiedenen Materialien immer wieder auf und verwies mich wiederholt auf meine keramischen Wurzeln. Und so kam es, daß ich mich anläßlich eines Rakumeetings ein zweites Mal in die Keramik verliebte, nun aber von einer ganz anderen Seite her: jedes Gefäß, das ich mache, ist für mich in erster Linie eine Skulptur und ein Objekt im Raum, gehorcht bildhauerischen Prinzipien der Form und Proportion und soll so klar und kraftvoll wie möglich sein.

Durch das Raku-Verfahren kommt ein konträrer Aspekt hinzu: Oft unvorhersehbare, teils heftige Einflüsse von Feuer und Rauch hinterlassen Ihre Spuren und schaffen eine Lebendigkeit und Expressivität, die sich innerhalb einer klaren, austarierten Form um so wirkungsvoller entfalten kann, ohne überladen zu sein.
Dieses Spannungsverhältnis von Strenge und Lebendigkeit, ruhiger Form und expressiver Oberfläche, Kalkuliertem und Unwägbarem fasziniert mich stets von Neuem und ist ständiger Impulsgeber meiner keramischen Arbeit.

Vor einiger Zeit fand ich in einem Buch über Rauchbrand die folgende Äußerung eines Pueblo- Indianers über seine Arbeit: ‚Es ist nun eimal so, daß jede Empfindung, die ich in die Werkstatt mitbringe, in den Ton eingeht. Das läßt sich greifen. Die Beziehung zwischen mir und meinem Erzeugnis ist ein geschlossener Kreis, und Menschen, die auf meine Werke reagieren, treten in diesen Kreis ein. Sie werden Teil der Erfahrung, und darin liegt für mich der Sinn der Töpferei.‘
Diese Einstellung hat mich sehr berührt und beschäftigt mich immer wieder aufs Neue, denn sie deckt sich mit einer Empfindung, die ich seit Jahren in Bezug auf meine bildnerische Arbeit habe: Durch die künstlerische Arbeit wird aus einem Innen ein Außen, das seinerseits wieder ins Innere ( der anderen) führt und dort weiterwirkt.Wenn ich mich nun frage, was ich gern nach außen setzen möchte, finde ich: Kraft, Ruhe, Bescheidenheit und Konzentration auf das Wesentliche.

‚Beim Essen benutzen wir unsere sechs Münder. Der erste Mund sind die Augen. Wir essen Form. Wenn eine Form schön ist, haben wir einen angenehmen Geschmack in unseren Augen. Ist eine Form häßlich, so haben wir einen unangenehmen Geschmack in den Augen. Wenn unser Auge gar nicht darauf achtet, was es ißt, haben wir einen neutralen Geschmack in den Augen. Wir sind, was wir essen.‘ (Maha Ghosananda)
Vor diesem Hintergrund ergibt sich für mich als Künstler auch eine Verantwortung: Positive Impulse in die Welt setzen (und sei es auch „nur“ eine Vase). Keiner allzu schnellebigen Zeitgeistigkeit verfallen. In Kontakt bleiben mit mir und meiner Umgebung, die auf mich einwirkt und auf die ich als Künstler einzuwirken imstande bin.“

Artikel erschienen in „NEUE KERAMIK“, Berlin, Nr 8/ 99